Stell dir vor, du sitzt am Mond und betrachtest die Erde von ganz weit weg. Du siehst auf den ersten Blick eine wunderschöne blaue Kugel in der Ferne. Spiralförmige Wolkenfetzen verdecken stellenweise ein wenig die Erdoberfläche. Darunter lassen sich im Blau aber trotzdem ganz klar grünbraune und weiße Flecken erkennen.
Sofort beginnt dein Kopf sich Orientierung zu verschaffen. Er vergleicht innere Bilder aus der Vergangenheit und versucht den grünbraunen Flecken auf der Erde die Namen der Kontinente zuzuordnen. Wie gut, dass wir auf der Erde schon lange ein tolles Modell von der Oberfläche unseres Heimatplaneten haben. Ohne je zuvor einen Atlas, oder einen Globus gesehen zu haben, hättest du jetzt keinerlei Anhaltspunkte.
OK, klar! Du sitzt gerade am Mond und siehst nur eine Hälfte der Erdkugel. Mist, Europa ist gerade nicht zu sehen. Aber sehr schnell identifizierst du den Kontinent Afrika mit großen Teilen der Arabischen Halbinsel. Wie gerne hättest du doch auch deinen Wohnort ausfindig gemacht. Die Stelle auf dem Erdball, an dem du dein Leben lebst. Den winzigen Punkt im Weltall, der für dich Heimatland ist und dir als Individuum Identität verleiht.
Aber der Ärger ist schnell verflogen. Du starrst auf den großen, gut sichtbaren grünbraunen Fleck und fragst dich, was denn der Name der großen Insel rechts neben dem afrikanischen Kontinent war. Wieder rattert es im Kopf, aber anstatt lange über den Namen der Insel nachzudenken, passiert im Kopf etwas Großartiges. Etwas, dass beim Space-Walking immer wieder vorkommt. Etwas, das Space-Walking so sinnvoll macht. Du kommst auf ganz andere Gedanken!
Du fragst dich, ist es eigentlich wichtig, wie die Insel da unten heißt, welchen Namen wir Menschen diesem abgegrenzten Fleck auf der Erde gegeben haben? Warum grenzen wir Menschen auf der Erde überhaupt, oft vollkommen willkürlich, bestimmte Flecken ab. Warum ziehen wir künstliche Grenzen und stecken Ländereien ab, als wäre die Erde des Menschen Besitz?
Was macht uns eigentlich zum Eigentümer bestimmter Flächen auf der Erde? Wer bestimmt, wem welcher Fleck darauf gehört? In diesen Gedanken versunken sitzt du am Mond, allein und nachdenklich. Wie viele Menschen gibt es eigentlich auf der Erde und auf wie viele Länder verteilt sich die Weltbevölkerung?
Die Zeit vergeht, die Erde hat sich weitergedreht. Hoch erfreut erkennst du mittlerweile den kleinen Kontinent Europa unter dir. Du freust dich, endlich deine Heimat als winzigen Fleck auf der Erde gefunden zu haben. Dankbarkeit überkommt dich beim Gedanken, im Herzen Europas zu leben. Eine aktuelle Frage kommt dir beim Blick auf Europa noch in den Sinn. Wo verläuft eigentlich die natürliche Landesgrenze zwischen Europa und Asien? War das nicht in der Ukraine?
Mit einem Schlag wird dir klar, überall dort wo die Natur keine sichtbaren Grenzen gesetzt hat, regiert der Geist und setzt nach Lust und Liebe Ländergrenzen. Entlang der Zeit schreiben die Menschen Geschichte über diese Länder. Geschichten überleben Menschen und geben wiederum Sinn und Identität für die nachfolgenden Generationen. Nur deshalb hast du hier und heute am Mond sitzend reflexartig sofort dein Heimatland gesucht.
Woher kommst du also, und wohin gehst du? Die Geschichte deiner Herkunft kannst du nicht beeinflussen, aber was du aus deinem Leben machst, wohin du gehst, das hast du selbst in der Hand. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verfolgst du sehr individuelle Ziele. Wie lassen sich aber die Ziele von 8 Milliarden Menschen in über 200 Staaten auf der Erde friedlich unter einen Hut bringen?
Grenzenlose Freiheit für jeden einzelnen Menschen wird sich da wohl nicht ausgehen. Wir Europäer sollten jedenfalls aufpassen, dass wir unsere bisherigen Freiheiten und den enormen Wohlstand nicht verspielen.
Hoch an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir zukünftig mit der Erde umgehen wollen. Denn unsere Heimat ist nicht nur ein kleiner abgegrenzter Punkt auf der Erde. Unsere Heimat ist eine wunderschöne blaue Kugel im grenzenlosen Universum. Wer das noch nicht verstanden hat, sollte dringend zum Space-Walking am Mond aufbrechen.