Einer unserer effizientesten Lebensvereinfachungsalgorithmen ist ein uralter Trick. Die Beschreibung der Realität mit verkürzenden Begriffen in sinngemäß gegenteiligen Wörterpaaren. Warm und kalt, groß und klein, hinten und vorne, oben und unten, links und rechts sind nur die einfachsten Beispiele für Wörter, mit denen wir unsere Welt erklären. Das Muster dahinter ist universell und kann zur Erklärung von praktisch allem angewendet werden. Aber welche Gefahren birgt der Dualismus in einer immer komplexer werdenden Welt. In einer Welt, in der unsere Aktivitäten schon lange nicht mehr durch den natürlichen Rhythmus von Tag und Nacht bestimmt werden? In einer Welt, in der wir unsere alten moralischen und ethischen Richtlinien zunehmend über Bord werfen und uns nur mehr vor Gerichten über richtiges Verhalten streiten. Wie entscheidest du über richtiges oder falsches Verhalten im Alltag? Was findest du gut, was schlecht an deinen Mitmenschen? Wen liebst du, wen hasst du? Immer öfter wird der Interpretationsspielraum zwischen zwei gegenseitigen Weltansichten so klein, dass sich unweigerlich Spannungen aufbauen. Die COVID-Krise ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell und radikal gegenläufige Weltansichten Gesellschaften spalten können. Noch dazu versuchen immer häufiger Politiker mit demselben alten Trick der extremen Vereinfachung die schnelle Zustimmung der Wählerschaft zu gewinnen. Sie müssen nur ein Thema finden, das sich populistisch auf zwei sich ausschließende Möglichkeiten reduzieren lässt und das Entweder–Oder-Szenario anheizen. Eigentlich kein Wunder im Zeitalter der Digitalisierung. Denn die zugrundeliegende elektronische Datenverarbeitung hat den Trick perfektioniert und jegliche Aufgabenstellung in milliardenfache Richtig-Falsch-Entscheidungen zerlegt, die innerhalb eines winzig kleinen Prozessors automatisiert und anonym abgearbeitet werden. Null oder Eins? Tag oder Nacht? Richtig oder falsch? Wie können wir diesem polarisierenden Algorithmus entkommen, dem heute schon künstliche Intelligenz zugeschrieben wird?
Ganz einfach: Nimm Abstand! Mache einen Space-Walk! Schau auf die Erde!
Erkenne, dass es Tag und Nacht gleichzeitig gibt! Warum soll es dann Richtig oder Falsch nicht auch gleichzeitig geben können? Es kommt immer nur auf die Perspektive an, aus der man eine Bewertung vornimmt. Und unsere Welt ist eben weder nur schwarz noch nur weiß. Diversität schafft Resilienz, oder einfacher gesagt, Buntheit sichert unser Überleben.