#9 – Das Kommunikationsdilemma

Lunas Diary 9

Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich glaube einen großen Blitz auf der Erde gesehen zu haben, bevor der heutige Besuch der Terra Inkognito bei mir angekommen ist.* Blitze auf der Erde sind eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber dieser Blitz war anders. Es sah eher nach einem leuchtenden Punkt aus, der für längere Zeit am selben Ort stand und nicht so wie normale Blitze bizarre Linien ziehen und ihrer Leuchtkraft gleich wieder verlieren. Jedenfalls könnte es die zuletzt von der Erde erwähnte Feuerwolke gewesen sein, welche angeblich beim senkrechten Start des großen künstlichen Flugkörper auftritt. Wie auch immer, der heutige erneute Apollo-Besuch lief wieder nach dem selben Muster ab wie bisher: Sanfte Berührung – Sternenstange stecken – seltsame Bewegungen der Terra Inkognitos  – seltsame Spuren mit dem Scheibenwagen ziehen – Diebstahl von Mondgestein – Zurücklassen künstlicher Teile – Abwurf  und Aussetzen künstlicher Körper in einer Umlaufbahn um mich –  Bewegungsdemonstration auf ihrem Flugkörper über mir –  Abtauchen ins Blau auf der Erde – Transfer mit dem Schiff in die grünen Flecken der Erde. Dieser sechste Besuch brachte aber noch eine zusätzliche Überraschung für mich. Nach dem Einschlag des von den Terra Inkognitos erneut abgeworfenen kleinen Rumpfflugkörpers gab es dieses Mal nach deren Abflug noch zwei weitere Detonationen im ursprünglichen Besuchsgebiet auf mir. Das finde ich deshalb merkwürdig, weil dabei kein Körper vom Himmel gefallen ist. Weder ein Asteroid noch ein Meteorit, noch konnte ich etwas anderes Künstliches auf mich fallen sehen.** Ich glaube, die Terra Inkognitos hatten wieder etwas Neues auf meiner Oberfläche zurück gelassen, was nach ihrer Abreise an Ort und Stelle von selber explodiert ist. Darüber habe ich mich im Nachhinein sehr geärgert, und ich überlege seitdem, wie ich mich beim nächsten Besuch verhalten soll. Eigentlich sollte ich diese zunehmend unfreundlichen Apollo-Besuche schon lange dem stellaren Gremium zum ewigen Zusammenhalt des Sonnensystems gemeldet haben. Aber ich kann meine Beobachtungen doch nicht so einfach hinter dem Rücken von Mutter Erde durchmelden und sie dadurch diffamieren. Andererseits darf ich als natürlicher Trabant gar nicht mit anderen Planeten darüber sprechen, wie soll ich die Ereignisse auf meiner Oberfläche dann jemanden anderen mitteilen? Da müsste sich schon die Erde selbst anzeigen, und die würde das rücksichtslose Verhalten der Terra Inkognitos mir gegenüber sicher nicht erwähnen. Damit stecke ich in einem ordentlichen Dilemma. Diese alten Regeln im System gehören wirklich an die neuen Umstände angepasst. Man sieht doch, dass uns das Neue eingeholt hat.

Ach, könnte ich nur endlich mit den anderen Himmelskörpern darüber reden, was bei mir seit dem ersten Apollo-Besuch abgegangen ist! Aber irgendwann ändern sich die Kommunikationsregeln auch im Universum und dann werde ich den Planeten ordentlich was flüstern …

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*) Apollo 17 war der erste Nachtstart in der bemannten US-amerikanischen Raumfahrt und bis 2022 die letzte bemannte Mission zum Mond.
**) Die Astronauten positionierten zwei explosive Pakete auf der Mondoberfläche, die später ferngezündet wurden, um Messungen durchzuführen.